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28.
Mai
2012

Herr der Ameisen – Ein Formicarium entsteht [46.707 x gelesen]

Vor etwa 15 – 20 Jahren sah ich das erste Mal eine Folge im TV in der sich ALF, in der gleichnamigen Serie, nichts sehensĂŒchtiger wĂŒnschte als ein Haustier. Statt wie erhofft ein Pferd zu bekommen, schenkte ihm sein menschlicher Ziehvater „Willie“ eine Ameisenfarm. Die anfĂ€ngliche EnttĂ€uschung darĂŒber schlug jedoch schnell in Faszination und Freude um. Diese Folge (welche man sich im Übrigen auch hier nochmals anschauen kann) faszinierte auch mich und kurze Zeit spĂ€ter bekam ich zu Weihnachten eben eine solche Ameisenfarm geschenkt.

Die Ameisen entwickelten sich fĂŒr mich zu einem neuen Hobby, welches damals durch den Bau von eigenen Ameisenfarmen aus Holz und Glasplatten intensiviert wurde. Korrekterweise nennt man eine solche Ameisenfarm fachsprachlich Formicarium. Es ist eine Art Terrarium in denen Ameisen (lat. Formicidae) unter nahezu natĂŒrlichen Bedingungen gehalten werden können. Voraussetzung fĂŒr einen Fortbestand einer solchen Kolonie ist mindestens eine Königin, welche ein Alter von bis zu 25 – 30 Jahren erreichen kann. Als staatenbildende Insekten sind die Ameisen arbeitsteilig organisiert. Es ergeben sich somit die drei Kasten Arbeiter, Weibchen (Königin) und MĂ€nnchen. Ameisen können je nach Art in JĂ€ger, Sammler und ZĂŒchter unterteilt werden. Entsprechend ihrer Lebensweisen und ihres Vorkommens unterscheiden sich die Arten in ihrer GrĂ¶ĂŸe, in ihrem Nestbau und ihren klimatischen Anforderungen.

Vor kurzem entdeckte ich dieses nun schon lang verschollene Hobby wieder und ich war erstaunt, was sich auf diesem Gebiet in den letzten Jahren fĂŒr eine Community herausgebildet hat. So findet man hierzu unzĂ€hlige Foren in denen das Halten von Ameisen intensiv beschrieben und diskutiert wird. Über spezielle Ameisen-Shops lassen sich nun auch bereits fertige Formicarien mit allen nur erdenklichen Zubehörs und sogar den Ameisen(-königinnen) online bestellen. Ich deckte mich also mit den nötigen Materialien ein und begann eine neue Kolonie zu errichten. Meine Erfahrungen möchte ich diesbezĂŒglich kurz schildern. Da es bereits genug Literatur ĂŒber die Ameisen selbst gibt, möchte ich nicht noch einmal detailliert auf diese eingehen.

Ich bestellte mir ĂŒber den sehr gut gefĂŒhrten Online-Shop ANTSTORE ein Starter-Kit bestehend aus einem Glasbecken (Arena) und einem „Display“, welche durch SchlĂ€uche miteinander verbunden sind.

Das „Display“ dient normalerweise dem Nestbau, da das eingestreute Sand/Lehm-Gemisch gut fĂŒr den Tunnelbau geeignet ist. Aufgrund des geringen Spaltmaßes lassen sich hier die Ameisen gut beobachten. Die „Arena“ dient als Jagdgebiet und einem horizontalem Freilauf. Ich entschloss mich jedoch die „Arena“ etwas zu modifizieren, so, dass ich darin auch ein Gipsnest unterbringen konnte. Im Gegensatz zum Erdnest sind die GĂ€nge und Kammern hier bereits vorgegeben. Dadurch wird gewĂ€hrleistet, dass sich die Ameisen gut von der Vorderseite der „Arena“ beobachten lassen. Etwaige Verschmutzungen an der Innenseite der Frontscheibe lassen sich dadurch nahezu unterbinden.

Mit Hilfe von Lego-Bausteinen und Knetmasse kann man sich einen Negativabdruck des zukĂŒnftigen Gipsnestes bauen. Die Maße betrugen hier 30 x 10 x 3 cm. Es passt somit genau auf die LĂ€ngste Seite der „Arena“. Nach 24 Stunden Trocknungszeit kann man die Knetmasse und den Rahmen wieder entfernen. Wichtig fĂŒrs nĂ€chste Mal: die Negativform sollte mit Zellophan-Folie ausgekleidet werden, um die Knete anschließend besser herauslösen zu können. Aufgrund verschiedenster Probleme ergab sich der Aufbau des finalen Formicariums aus mehreren Vorversuchen.

Das Endergebnis sieht wie folgt aus:

Der Aufbau sieht im Detail wie folgt aus:

  1. Das Gipsnest wurde mit einer selbstklebenden Aluminiumfolie auf der Ober- und RĂŒckseite versehen. Diese soll verhindern, dass sich die Feuchtigkeit aus dem unteren Bereich des Formicariums in der gesamten „Arena“ ausbreitet. Denn ist der spĂ€tere Deckboden einmal feucht, beginnen die Ameisen unverzĂŒglich mit dem Graben von Tunnels. Eine gezielt Beobachtung wĂ€re daher spĂ€ter nicht mehr möglich.
  2. Das Gipsnest wird angefeuchtet. Die Kammern und Tunnel werden mit einem feuchten Lehm/Sand-Gemisch (1:1) dĂŒnn ausgekleidet. Dies hĂ€lt auch ohne Kleber, sofern immer feucht gehalten.
  3. Das Gipsnest wird mit dem Aluminium in die „Arena“ eingesetzt, so dass die Kammern und Tunnel dicht an einer der lĂ€nglichen Frontscheibe anliegen.
  4. Eine ca. 2 cm dicke Schicht aus BlĂ€hton wird hinter das Gipsnest aufgefĂŒllt. In die Mitte der FlĂ€che wird ein Drainagenrohr gesteckt, mit dessen Hilfe man spĂ€ter die Feuchtigkeit von oben regulieren kann.
  5. Ein zurecht geschnittenes Vlies bedeckt die Schicht des BlÀhtones.
  6. Eine ca. 4 – 5 cm dicke Schicht aus feuchtem Sand wird auf das Vlies gegeben. Zwei entsprechend lange Stöcke werden zwischen das Gipsnest und der gegenĂŒberliegenden RĂŒckscheibe geklemmt. Dies verhindert, dass sich das Gipsnest aus Versehen durch Kippen von der Frontscheibe lösen kann. Zugleich werden in diese Schicht Pflanzen gesetzt. Die Wurzeln können sich aus dieser Schicht mit Wasser und NĂ€hrstoffen versorgen. Ein Wasseraustausch zwischen BlĂ€htonschicht und Vlies ist gewĂ€hrleistet.
  7. Es erfolgt die Aufbringung der Isolierschicht. Dazu wird erneut selbstklebende Aluminiumfolie auf die Sandschicht aufgelegt. Die RĂ€nder werden mit dem Glas bzw. mit dem Aluminium der RĂŒckwand des Gipsnestes verklebt. Dies hat zwei Vorteile: Es kann keine Feuchtigkeit mehr in die oberste Schicht gelangen. Wodurch die Ameisen nicht mehr ungewollt Tunnel bauen können. Zweitens: Sollte der Bereich durch OberflĂ€chen-BewĂ€sserung doch einmal feucht werden, so wird es den Ameisen unmöglich gemacht in die unteren Schichten vorzudringen.
  8. Es erfolgt die Auftragung der trockenen Sandschicht bis zur Oberkante des Gipsnestes. Steine und Holz können als Dekoration hinzugefĂŒgt werden.
  9. Das herausstehende Drainagerohr sollte mit einem Stopfen oder einem Gitter verschlossen werden. Die BewĂ€sserung des gesamten Formicariums und der Pflanzen erfolgt ausschließlich ĂŒber diese Drainage. Das Gipsnest kann sich aus der Schicht des BlĂ€htons mit Wasser vollsaugen und dieses im gesamten Nest verteilen, ohne dass die oberste Schicht befeuchtet wird.
  10. Die Frontseite des Formicariums sollte mit einem Gummiband und einer roten Plastik-Folie versehen werden um eine Störungen der Ameisen durch einfallendes Licht zu vermeiden. Hinweis: Ameisen sind Rotblind. Das noch durchkommende rote Licht ist fĂŒr die Ameisen unsichtbar, es herrschen demnach fĂŒr sie Dunkelbedingungen.
  11. Ein Thermometer/Hygrometer an der Innenseite des Formicariums ermöglicht die Überwachung der klimatischen Bedingungen. Die Temperatur sollte nicht >30°C sein. Die Seite des Gipsnestes sollte niemals direkt in der Sonne stehen. Die Luftfeuchte kann je nach Ameisenart variieren. Um eine Luftzirkulation zu ermöglichen, kann man ein PC-LĂŒfter (12V; 0,5A) auf den perforierten Glasdeckel aufbringen.
  12. Da oft Temperaturunterschiede zwischen Innen- und Außenbereich herrschen, kann es dazu kommen, dass die Innenscheiben, insbesondere die Frontscheibe, mit Wasser kondensiert. Hierzu kann eine dĂŒnne Heizfolie vertikal in einem ca. 2-3 cm Abstand vor die Frontscheibe gestellt werden.

Das „Display-Formicarium“ ist weitaus einfacher aufgebaut. Es besteht aus einer 3 cm hohen Schicht aus rotem Granulat und einem darĂŒber liegenden Sand/Lehm-Gemisch. Über ein Drainagerohr, welches bis zum Boden reicht, kann Wasser zum befeuchten eingefĂŒllt werden.

Ich entschied mich beim Aufbau einer neuen Kolonie fĂŒr eine einheimische Ameisenart, Myrmica rubra (rote Gartenameise). Diese ist im Gegensatz zu vielen anderen Ameisen noch relativ groß und zudem hinsichtlich ihrer Haltung relativ unkompliziert. Ich bestellte mir eine Königin mit ca. 100 Arbeitern. Die Entwicklung bis zum heutigen Stand möchte ich kurz anhand der folgenden Fotos dokumentieren.

Die Lieferung der Ameisen erfolgte prompt und ohne irgendwelchen Verlusten. 100 Arbeiterinnen + 1 Königin wurden in einem Reagenzglas mit einem Wasservorrat untergebracht. (12.04.2012)

Nachdem die ersten Ameisen den Weg in das Gipsnest gefunden hatten, nistete sich auch die Königin dort ein und begann mit dem Legen von ersten Eiern. (16.04.2012)

Erste große Eierpakete waren zu erkennen. (25.04.2012)

Die ersten Eier wuschsen zu ersten kleinen Larven heran. (15.05.2012)

FĂŒtterung. Vornehmlich diente ein Honig-Wasser-Gemisch als Grundnahrung. Diese wurde jedoch durch frisches Fleisch wie Fliegen, MĂŒcken und Wespen ergĂ€nzt. Grillen und MĂŒckenlarven und auch Proteinsticks stammten aus einem Futter-Mix, welches man zur Austestung einer „Lieblingsnahrung“ ebenfalls kĂ€uflich erwerben konnte.

Die Königin nimmt ein Bad in ihrem Volk und wird rundum versorgt

Die Larven wachsen weiter heran und verfĂ€rben sich im Inneren leicht brĂ€unlich/rot. Man erkennt deutlich eine leichte Behaarung auf der OberflĂ€che der Larven. Gleichzeitig werden immer wieder neue Eier nachgeliefert und als Paket fĂŒr den besseren Transport zusammengeklebt. (20.05.2012)

Man erkennt nun deutlich den Unterschied zwischen den verschiedenen Entwicklungsstadien. (24./28.05.2012)


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Kategorie: Diverses